Das historische Emmaus
Über die Lage des historischen Emmaus besteht bis heute keine Klarheit. Zur Zeit gibt es vier Orte, die zum Teil mehr, zum Teil weniger begründeten Anspruch erheben können. Meistens basiert der Anspruch auf der in Lukas überlieferten Distanz. Doch selbst diese Quelle ist nicht verlässlich.
Ein zweites (erschwerendes) Kriterium ist die Bedeutung des Namens: Emmaus leitet sich von dem hebräischen Wort für „heiße Quellen“ ab. Es ist daher anzunehmen, dass es mehrere Orte dieses Namens gab.
Erhalten sind Handschriften, die drei Distanzen angeben. Die häufigste Angabe ist 60 Stadien (ca. 11 km), die zweihäufigste, aber weniger verlässliche geht von 160 Stadien (ca. 30 km) aus; eine dritte Angabe, die jedoch auf einen Kopierfehler zurückgeführt wird, gibt nur sieben Stadien an.
Glaubt man Lukas, so legten die beiden Jünger den Hinweg an einem halben Tag zurück, aßen im Emmaus, und kehrten noch am gleichen Tag zurück nach Jerusalem, wo sie die anderen Jünger noch an dem Abend trafen. Ein Weg von insgesamt 60 km zu Fuß wäre dann auszuschließen.
Einer der Orte, die für sich in Anspruch nehmen, das historische Emmaus zu sein, ist Amwas – Nicopolis/Nicopolis – Latrun (heute Khirbet Imwas) im heutigen Gaza – Streifen. Er liegt etwa 30 km westlich von Jerusalem.
Nicopolis wurde schon im 4. Jahrhundert als Emmaus identifiziert, wahrscheinlich kommt daher auch die Angabe von 160 Stadien. Wegen dieser Entfernung zu Jerusalem und des zeitlichen Rahmens wurde die Richtigkeit schon Mitte des 5. Jahrhunderts angezweifelt. Hinzu kommt noch, dass der Ort in biblischer Zeit gar nicht Emmaus hieß. Trotzdem gibt es bis heute Vertreter der Ansicht, dass es sich bei diesem Ort um Emmaus handelt.
El-Qubeibeh, etwa 12 km (65 Stadien) an der Strasse nach Khirbet Imwas gelegen, wurde vor allem von en Kreuzrittern als historisches Emmaus angesehen. Die Kreuzritter fanden in der Nähe des Ortes eine römische Befestigungsanlage, die während der römischen Besatzung „Castellum Emmaus“ hieß. 1873 wurde hier von Franziskanern eine byzantinische Kirche ausgegraben.
Der dritte Ort, Abu Gosh (oder Kiryat el-Anab = Stadt der Trauben), liegt etwa 13,5 km (83 Stadien) westlich von Jerusalem ebenfalls an der Strasse nach Khirbet Imwas. Es ist eindeutig identifiziert als das alttestamentarische Kiriath-jearim. Wie in El-Qubeibeh wurden auch hier römische Befestigungsanlagen gefunden; eine Inschrift in griechisch sagt aus, dass dort die 10. Legion stationiert war.
Wie schon Nicopolis hieß keiner der Orte in biblischer Zeit Emmaus.
Der vierte und neueste Ort ist das alte Qualoniyeh (bei Motza) an derselben Strasse wie Abu Gosh, etwa 6 km (30 Stadien) von Jerusalem entfernt; es wird vermutet, dass Lukas mit der Angabe 60 Stadien Hin- und Rückweg meinte.
Der Ort hieß nachweislich in biblischer Zeit Emmaus; Kaiser Vespasian baute dort später eine Veteranen – Kolonie (Colonia, aus dem sich der Qualoniyeh ableiten lässt). Eine erste Sondierung im Jahr 2000 ergab, dass sich hier eine einzigartige Besiedlungskontinuität nachgewiesen werden kann, von der benjamitischen Epoche des Alten Testaments über das neutestamentliche Dorf Emmaus bis zur römischen Veteranenkolonie, der byantinischen Zeit und den Kreuzfahrern des 12. Jahrhunderts. Literarisch ist der Ort im Alten und Neuen Testament, im Talmud.
Erste Funde gehen auf Grabungen 1973 zurück: Emanuel Eisenberg legte ein Haus mit Wandfresken frei, das er in die „Emmaus – Zeit“ datierte. Der Typus entsprach den Häusern wohlhabender Juden in Jerusalem. Wäre es möglich, dass sich dort wohlhabende Jerusalemer im Schatten bei Wasserläufen und Quellen Wochenendhäuser gebaut haben, vielleicht sogar ganz dort gelebt haben, um der Enge Jerusalems zu entfliehen, bis die Römer sie etwa 70 n. Chr. vertrieben? Die Funde (Keramik, Münzen, Fresken, Häuser, Dachziegeln) sprechen dafür.
Bei den Grabungen 2000 wurde ein sehr seltener Fund gemacht: in einem Raum mit Arkadengewölbe wurde ein Ziegelfragment gefunden, in das vor dem Brennen das Hospitaliter-/Johanniterkreuz eingeritzt worden war. Es ist unwahrscheinlich, dass es sich hierbei um ein zufälliges Pilgerzeichen handelt; vielmehr wird davon ausgegangen, dass es sich um eine Auftragsarbeit handelte. Der Fund lässt die Vermutung zu, dass das Gebäude zu einem für die Johanniter typischen Komplex von Hospiz, Hospital und Kapelle/Kirche gehört haben könnte.
Carsen Peter Thiede, Altertumsforscher, Papyrologe und Leiter der Ausgrabungen in Moza, geht davon aus, dass Lukas einen Augenzeugenbericht vorliegen hatte, als er sein Evangelium niederschrieb, ein Anspruch den Lukas schon im Prolog erhebt. Auf die Historizität der Evangelien sei verlass; ebenso, wie auf eine außerbiblische Quelle, ein Bericht von Flavius Josephus. Dieser Bericht liefert den eigentlichen Schlüssel zum historischen Emmaus. Er erwähnt, dass das Dorf Emmaus 71 n. Chr. einer römischen Veteranenkolonie einverleibt wurde. Er verschätzte sich allerdings bei der Entfernung und gab 30 Stadien an.
Thiede hat die Entfernung nachgemessen: die tatsächliche Entfernung beträgt 44 Stadien. Entscheidend für Thiede ist jedoch weniger die Zahl sondern der von Lukas vorgegeben zeitliche Rahmen. Der Marsch wurde innerhalb eines halben Tages bewältigt.
Die heutige Stadt Moza hieß zu alttestamentarischer Zeit ha-Moza (Jos 18, 26), von diesem Namen leitet sich der spätere griechische Name Emmaus ab, der dann durch die römische Besiedlung ausgelöscht wurde.
Die Ausgrabungen in Moza sind noch lange nicht abgeschlossen; wahrscheinlich wird die Arbeit noch zehn Jahre in Anspruch nehmen.